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Die Theaterwerkstatt

Es ist 15 Uhr. Vor der Tür steht eine Gruppe von Kindern im Vorschulalter mit den dazugehörigen Eltern. Ich öffne die Eingangstür, die Eltern begleiten die Kinder in den Raum. „Können wir heute zu den Dinosauriern gehen?“, fragt mich Thomas als Begrüßung. „Vielleicht“, ist meine Antwort. „Wir werden sehen.“ 

Wer die Schuhe ausgezogen hat, fängt an, im Raum herumzutollen. Ein Fangenspiel entwickelt sich. Eine Mutter nach der anderen verabschiedet sich, ein mitfühlendes „Gute Arbeit“ zu mir, der Theaterpädagogin, als Abschied. Mit der Betonung auf „Arbeit“.

Die Kinder im Alter zwischen vier und sechs Jahren treffen sich seit zwei Monaten einmal wöchentlich zu einer Theaterwerkstatt PINK. Einige von ihnen sind schon seit einem Jahr dabei. Für sie ist die Theaterwerkstatt mal die Spielstunde, mal Turnen, Tanzen und manchmal auch Theater.

 Das Theaterpädagogische Zentrum bietet diese Art von Freizeitbeschäftigung als Frühförderung im Theater an. In der Theaterwerkstatt für Vorschulkinder geht es darum, grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten zu trainieren, die ein Theaterspieler auf der Bühne braucht.

Im Vordergrund der Arbeit steht der einzelne Spieler mit seinen individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten, der Prozess, den jeder durchläuft und seine Beziehung zur Gruppe.

Ziel ist, dass Bereitschaft von Seiten der Spieler besteht, Verantwortung für das Wohlergehen der Mitspieler zu tragen, eine erhöhte Kooperationsbereitschaft, die in einer Theatergruppe herrschen muss, denn – auch das ist eine Überzeugung: Theater ist die höchste Form von Interaktion.

Der einzelne Spieler geht durch das Stück wie ein Seiltänzer über ein Seil balanciert. Er ist hochkonzentriert, mit höchster Wahrnehmung auf sich selbst und auf den Raum, der ihn umgibt, - immer in dem Wissen, dass auch die Möglichkeit besteht abzustürzen.

Und die Gruppe ist das Fallnetz, das den Spieler auffängt, wenn er wirklich stürzen sollte. Aber er stürzt nicht, weil er weiß, dass es dieses Fallnetz gibt.

tpz brixen

Im Land der Dinosaurier

Die Vier- bis Sechsjährigen sind noch in das Fangenspiel vertieft. Ganz normal, ohne Zusatzregeln. Wie kann ich die Energie der Kinder „pädagogisch verwerten“? Gehen wir davon aus, dass es stimmt, was Viola Spolin sagt. 

Von Geburt an spielen wir; und das Theaterspielen entwickelt sich natürlich aus dem Spielen in unserer Kindheit. Wir zapfen diese Energiequelle an und übertragen die Spielformen auf Theatertechniken. Nur so kann den Kindern die Freude am Spielen bewahrt werden, wenn man sie in den Dienst einer großen Kunstform stellt.

Viola Spolin[i]

Wie kann ich die Kinder behutsam über ihre Kindheitsspiele zum Theaterspielen hin lenken? Wie kann ich die Energie, die während des Spiels entsteht, für Theaterzwecke nutzen?

Eines der Ziele im tpz brixen ist, wie schon gesagt, dass die Kinder in einen angstfreien körperlichen Kontakt treten. Also mache ich eine Eingabe: „Ihr könnt euch gegenseitig retten. Wenn zwei Kinder sich umarmen, dürfen sie nicht gefangen werden.“ Die Kinder gehen auf die Eingabe ein. Sie retten sich selbst vor dem Fänger, indem sie jemanden umarmen, wenn der Fänger zu nahe kommt. Ich gehe noch eine Stufe weiter: „Rettet andere. Die Sophia ist jetzt hinter der Martha her. Andrea rette die Martha.“

Mit der Zeit beginnen einige ältere Kinder ganz bewusst nach Kindern Ausschau zu halten, die gerettet werden müssen. An einem Grundsatz ist gearbeitet worden: Die Gruppe ist das Fallnetz, das die Spieler auffängt. Die Gruppe bietet Sicherheit. Der einzelne Spieler weiß, er wird von der Gruppe gerettet.

Als die ersten Kinder Ermüdungserscheinungen zeigen, versammle ich die Kinder im Kreis um mich.

„Wohin geht unsere Phantasiereise heute?“, ist meine Frage. Und schon platzt Thomas heraus: „Zu den Dinosauriern.“ Sein Vorschlag findet schnell begeisterte Anhänger. Also packen wir unsere imaginären Rucksäcke.

„Was könnten wir dort alles gebrauchen?“ Die Kinder packen ein, was ihnen einfällt. Esszeug, etwas zum Trinken. In anderen Phantasiereisen hat sich ein Zelt bewährt oder ein Seil. Einer denkt an seine Taschenlampe. Ganz schlimm ist es nicht, wenn etwas vergessen wird. Während der Reise kann man ja beliebig ergänzen – es ist ja „nur“ eine Phantasiereise.

Dann steigen wir alle in die Zeitmaschine ein - eine lange Schlange, die nicht auseinanderbrechen darf. Der Vorderste führt die Kette an. Als die Kinder merken, dass sie ihm vertrauen können, wagen es einige sogar, die Augen zu schließen. Natürlich will jeder vorne sein – auch die Dreijährige. Und jeder schafft es, so langsam zu gehen, dass die anderen ihm vertrauen können. Und manche schaffen es sogar, auf ihrem Weg Hindernisse zu überwinden – immer langsam und mit großer Verantwortung für die blinden Mitspieler.

Am nächsten Ziel, dem Vertrauen in die Gruppe und dem Verantwortungsgefühl für die Gruppe ist gearbeitet worden.

Endlich sind wir im Land der Dinosaurier. Es ist Zeit für eine kleine Imaginationsübung. Ich mache eine Eingabe: „Schaut euch mal diesen Urwald an! Da müssen wir durch!“

Wir kämpfen uns durch den Urwald. Große Wurzeln machen uns zu schaffen, manchmal müssen wir auf dem Boden robben, um unter den Lianen und Luftwurzeln durchzukriechen. Ich als Spielleiterin gebe zweihundert Prozent, damit die kleinen Theaterspieler sich auch getrauen können. Wir schwitzen, als ob wir wirklich im Urwald wären. Die Spieler helfen sich gegenseitig, die Hindernisse zu überwinden.

Irgendwann wird es Michele zu bunt. „Ich habe ein Messer mit. Wir schnipseln uns den Weg einfach frei.“ Gut. Wir ziehen alle unsere Messer heraus und schlagen mit „Ha!“ einen Weg durch das Dickicht. Das ist nicht weniger anstrengend – aber man kann dabei Dampf ablassen und gleichzeitig die Stimme aus verschiedenen Körperteilen in den Raum schicken – „senden“ – eine kleine Stimmübung also.

Die meisten Kinder haben mittlerweile Pullover und Hosen ausgezogen. Draußen auf der Straße donnert ein Lastwagen über das Pflaster. Wir spielen, dass ein Dinosaurier auf uns zu kommt. „Schnell verstecken!“, rufe ich. „Dino – Alarm!“. Alle rennen irgendwohin. „Hier kann man sich ja nirgendwo verstecken!“, ruft Thomas entrüstet.

 Also müssen wir einen Weg finden.

[Heidi Troi]


 

[i] Viola Spolin, „Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie und Theater“ – Verlag Jungfermann

 

 

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